Das geheimnisvolle Selbst


01. April 2019

Ina Deicke

In den vergangenen Monaten hatte ich Gelegenheit zu zahlreichen Gesprächen über die Bedeutung des Zukunftstrends „Selbstführung“.

In die meisten dieser Gesprächsrunden nahm ich das Zitat von Peter Drucker mit, weil ich finde, dass es unsere aktuelle Situation sehr treffend beschreibt:

„In einigen Jahrhunderten, wenn die Geschichte unserer Zeit aus einer langfristigen Perspektive heraus geschrieben wird, werden die Historiker wahrscheinlich weniger die Technologie noch das Internet oder den E-Commerce als wichtigstes Erlebnis betrachten, sondern die großen Veränderungen der Lebenssituation.

Zum ersten Mal hat eine erhebliche, schnell wachsende Zahl von Menschen die Freiheit zu wählen.

Zum ersten Mal müssen sie sich selbst managen. Und darauf ist unsere heutige Gesellschaft in keiner Weise vorbereitet.“

Was bedeutet das: Darauf ist unsere heutige Gesellschaft in keiner Weise vorbereitet?

Und was genau hat es mit Selbstmanagement, Selbstführung und Selbstentwicklung auf sich?

Lassen Sie uns zuerst die Begrifflichkeiten klären.

Selbstmanagement

Selbstmanagement bezeichnet die Kompetenz, die eigene persönliche und berufliche Entwicklung weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen zu gestalten. Dazu gehören Teilkompetenzen wie selbständige Motivation, Zielsetzung, Planung, Zeitmanagement, Organisation, Lernfähigkeit und Erfolgskontrolle durch Feedback.

Im Kontext des heutigen Arbeitens wird Selbstmanagement oft damit verbunden

  • sich selbständig sinnvolle und authentische Ziele zu setzen,
  • eine Strategie und einen Plan für die effiziente Zielerreichung zu erarbeiten,
  • diesen Plan konsequent umzusetzen,
  • regelmäßige Fortschritts- und Ergebniskontrollen durchzuführen und
  • daraus Maßnahmen zur Effizienzsteigerung abzuleiten.

Selbstführung

Selbstführung beschreibt die Kompetenz, sich selbst kontinuierlich zu betrachten, die eigenen Motive, Werte, Muster, Handlungen und Wirkungen zu thematisieren und zu reflektieren, um nicht blind im komplexen Geschehen zu agieren.

Selbstführung hat zwei Schwerpunkte:

  • die eigene Person führen: Selbstreflexion
  • die eigene Arbeit gestalten: Selbstmanagement

Selbstentwicklung

Selbstentwicklung meint die Fähigkeit eines jeden Menschen, sich und sein Selbst eigenständig weiterzuentwickeln. Das Selbst gilt dabei als innere Instanz, als eine Art Wesenskern, die in die vier Dimensionen der menschlichen Natur wachsen will:

  • Körperlich-emotional,
  • psychisch-seelisch,
  • mental-kognitiv,
  • spirituell

Jetzt wird deutlich, dass wir bei Selbstmanagement von etwas anderem sprechen als bei Selbstführung und bei Selbstentwicklung, und wie nützlich Klarheit im Verwenden dieser Begriffe ist.

Darüber hinaus wird deutlich, dass das Selbst der Kern ist, an dem sich das Wesentliche kristallisiert. Es muss doch eine Bedeutung haben, dass so vieles auf das Selbst zurückgreift: Selbsterkenntnis, Selbstverstehen, Selbstachtung, Selbstwahrnehmung, Selbstverantwortung, Selbstliebe, Selbstdisziplin, Selbstbehauptung, selbstbestimmt, selbstwirksam, selbststärkend, Selbstwert, Selbstentfaltung …

In der Psychologie wird das Selbst als die innere Instanz beschrieben, die nahezu alles beherbergt, was eine Person erfahren hat, und die genau weiß, was gut für diese Person ist. Allerdings: Das Selbst braucht absolute Ruhe, um verlässlich arbeiten zu können.

Wenn das Selbst als eine Art Vermittler zwischen dem tiefsten Inneren – jenem Gebiet, das wir am wenigsten gut kennen – und der Alltagswelt fungiert, dann brauchen wir ein breiteres gesellschaftliches Gespräch darüber, wie wir Zugänge zum Selbst zu öffnen vermögen.

Und hier vermute ich die Herausforderung, die Peter Drucker beschreibt, wenn er sagt: Darauf ist unsere Gesellschaft in keiner Weise vorbereitet. Denn wir haben das Wissen um das Öffnen von Zugängen zum Selbst fast verloren.

Im Arbeiten mit Menschen beobachte ich häufig, wie herausfordernd es für viele ist, selbstbestimmt zu entscheiden und zu agieren, ganz gleich, ob es um berufliche und persönliche Belange geht.  

Selbstwahrnehmung und Selbstverstehen dienen aus meiner Sicht prinzipiell der menschlichen Entwicklung. Beide fördern gesunden Selbstausdruck und Resonanz. Selbstverstehen und Selbstausdruck steigern unser Vermögen mit dem Leben zu kooperieren, fördern Sinnfindung und tragen zu mehr Vitalität bei.

Aktuell stellt sich als zentrale Forschungsfrage:

Wie schaffen wir Bewusstseinszustände, in denen sich Aspekte des Selbst enthüllen?

Ich bin sicher, es gibt viele Wege. Eine Methode, die ich aus tieferster Überzeugung empfehle, nenne ich „Selbsterkunden im Spiegel der Natur“.