Nach Corona: Zurück in die Zukunft?


17. April 2020

Ina Deicke

Corona: Die Rufe nach der „Rückkehr zur Normalität“ werden täglich lauter.

Natürlich ist der aktuelle Ausnahmemodus kein akzeptabler Dauerzustand. Doch kann es wirklich darum gehen zurückzukehren? Wohin? In eine Lebensweise, die täglich weiter mehr von den Resultaten produziert, die wir nicht wirklich wollen? Wäre das die „Normalität“? Wäre ein Fortführen beschädigender Wirtschafts- und Lebensweisen das, was wir als normal definieren würden?

Was, wenn es kein Zurück gibt?

Was, wenn uns ein Zurück mehr kosten würde, als tragbar für uns wäre?

Ein Spiegel

Wenn ich die Corona-Pandemie als eine Intervention des Lebens betrachte – was ist die Botschaft?

Für mich hat die Botschaft mehrere Ebenen:

  • Wir erleben eindrücklich wie eng alles auf der Erde miteinander verwoben und wie fragil das Leben ist.
  • Wir beobachten, wie die Krankheit (tatsächlich und im übertragenen Sinn) auf instabile Systeme wirkt: Fieber, Atemnot, Lungenversagen bis hin zum Tod.
  • Wir beobachten auch, wie die Krankheit auf stabile Systeme wirkt: Keine oder leichte Symptome, baldiges Gesunden und vollständiges Genesen sind überwiegend. Immunität als Folgeerscheinung.
  • Das Virus verursacht bei Menschen Atembeschwerden. Der Erde verschafft es ein Durchatmen.
  • Corona ist nicht DIE Krise und auch nicht die Ursache für eine erwartete Krise. Die Krise war längst da. Wir wollten das nur nicht wahrhaben. Die Pandemie wirkt wie ein Verstärker für die tiefere strukturelle Krise unseres Wirtschafts- und Wertesystems und der damit verbundenen Lebensweise.

Auf mich wirkt das Geschehen um Corona wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst, unser Wirken und Sein betrachten können.

Alte und neue Geschichten

Geschichten sind Narrative, die Überzeugungen, Werte und Erklärungsversuche für das Leben und die Welt enthalten. Geschichten formen uns. Sie formen die Art, wie wir die Welt sehen und begreifen und wie wir uns in der Welt sehen. Wir alle leben in einem Netz von Geschichten: unserer eigenen Herkunftsgeschichte, unseren kulturellen, kollektiven, vergangenen und zukünftigen Geschichten.

Welche Geschichten erzählen wir uns gerade, um unser Selbstbild und unser Weltbild aufrecht zu erhalten? Die Wirtschaft …, die Märkte …, die strategischen Interessen …

Welche dieser Geschichten tragen noch?

Welche sollten wir dringend loslassen?

Welche neuen Geschichten wählen und erzählen wir stattdessen?

Und was sollen wir wirklich durch Corona lernen? Welche Einsichten gewinnen wir?

Das Spannende ist nicht die Pandemie. Sie ist eine Herausforderung, die wir als Menschheit bewältigen können. Das wirklich Spannende sind aus meiner Sicht die Schlussfolgerungen, die wir aus der umfassenden Betrachtung der darunterliegenden Ursachen ziehen werden (falls wir das tun).

Und je nachdem, wie wir schauen und wie wir interpretieren, was wir bemerken und sehen, könnten wir feststellen, dass einige der bisher gültigen Weltbilder und Überzeugungen uns nicht länger darin unterstützen, die anstehenden Herausforderungen zu meistern.

Übergänge beginnen mit dem Ende und enden mit dem Anfang.

Was wäre, wenn die Corona-Pandemie das Ende der Welt, wie wir sie kennen (Matthias Horx), einläuten würde?

Was, wenn wir bemerken würden, dass es nicht primär um Krisenmanagement und ein „Zurück“ mit ein paar Veränderungen ginge, sondern dass wir uns in einem Übergang hin zu einem neuen Bewusstheitsgrad befinden?

Übergänge sind etwas anderes als Veränderungen. Übergänge sind psychologische Prozesse, die zu einem neuen Selbstverständnis, einer neuen Identität führen.

Übergänge folgen einem Verlaufsmuster, das drei Phasen umfasst:

  • das Loslassen von Gewohntem (Separation)
  • das Don’t know land mit seinem Nichtwissen, Chaos und der Neuorientierung (Dazwischensein oder Liminalität)
  • das Entwickeln einer neuen Identität (Inkorporation)

Dieses Verlaufsmuster ist universell gültig. Wir können es in allen Kulturen dieser Erde finden. Es ist so alt wie die Menschheit selbst.

Weil Übergängen eine kollektiv unbewusste psychisch-seelische Bewältigungsstrategie zugrunde liegt, sind sie auch heute tragend und sogar erforderlich für gesunde Entwicklung und Erneuerung. Übergänge (persönliche, kollektive, organisationale) vermeiden zu wollen, kostet mehr als es erspart.

An der Schwelle

Wir erleben gerade ein wirkungsvolles Krisenmanagement. Die Infektionsquoten verringern sich. All die Anstrengungen der letzten Wochen scheinen zu wirken. Regierungen haben unglaubliche Finanzmittel aktiviert, um die wirtschaftlichen Folgen dieser Interventionen zu lindern. Das wirkt beruhigend und führt zu neuen Fragen: Wofür genau sollten wir dieses Geld einsetzen?

Denn während die Aufmerksamkeit der meisten Menschen auf Corona, Infektionszahlen und unfassbare Bilder menschlicher Dramen gerichtet ist, bestehen die drängenden Fragen der Zeit fort. Für die globalen Probleme (Klima, Chancengerechtigkeit in Sachen Gesundheit, Bildung, Entwicklung, Ressourcen, nachhaltiges und faires Wirtschaften, Frieden, Selbstbestimmung …) brauchen wir echte und tragende Lösungen.

Krisenmanagement ist wichtig, doch es ersetzt keine Strategieprozesse. Krisenmanager fragen: Was ist zu tun? Strategische Denkerinnen und Visionäre fragen: Wer wollen wir sein?

Erneuernde, zukunftstaugliche Strategien erwachsen aus einem akzeptierenden Aufenthalt im Don’t know land. Sie bedürfen einer wahrhaftigen und hingebungsvollen Bestandsaufnahme: Mitfühlendes Wahrnehmen und Anerkennen. Dann lassen die alten Geschichten los. Das ist der Grund, aus dem Visionen aufsteigen.

Deshalb setze ich nicht auf eine „Rückkehr zur Normalität“. Ich hoffe stattdessen, dass viele Menschen den Mut aufbringen und die Chancen im Schlamassel erkennen und ergreifen.

Wir müssen nicht alles allein bewerkstelligen …

Übergänge sind fordernde Angelegenheiten und die Reise wird leichter, wenn es Zielbilder und ermutigende Geschichten gibt.

Ich bin den Menschen zutiefst dankbar, die ihre Weisheit in den Dienst des Lebens auf der Erde gestellt haben und im größten globalen Ratsprozess die ERDCHARTA* entwickelt haben.

Ich verstehe sie als Inspiration und Leitlinien für eine erstrebenswerte Zukunft.

Also, was werden wir aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie lernen? Welche Geschichten von welchen Wendepunkten wollen wir unseren Enkeln erzählen?

Stell dir vor,

du würdest deinen Enkeln eine Variante dieser Geschichte erzählen, weil du dabei warst:

Corona 2020 war wie ein Wendepunkt. Es war, als hätten wir in unserer rasenden Geschäftigkeit innegehalten. Wir hatten viele Opfer zu beklagen und die Verluste schienen unüberschaubar. Es war eine Zeit der Stille und der Trauer.

Und dann, irgendwann und irgendwo in den Tiefen der Menschen formte sich eine Frage: Wofür wollen wir wirklich leben? Wofür geben wir zukünftig unsere Energie, unsere Intelligenz, unsere Schöpferkraft?

Und wir begannen uns ganz neue Geschichten zu erzählen …

 

*https://erdcharta.de