Feedback – der feine Unterschied


14. September 2018

Ina Deicke

Kennen Sie das:

Ein Kollege kommt prinzipiell zu spät zu Besprechungen. Vereinbarte Abgabetermine verpasst er. Wenn Sie ihn erinnern oder seine Zuarbeit einfordern, reagiert er abweisend. Er hat diesbezüglich schon ordentlich Kritik bekommen, doch es ändert sich nichts.

Oder: Ihr Puls geht spürbar schneller, wenn Sie nur daran denken, dass ein klärendes Gespräch mit der Vorgesetzten ansteht. Sie haben bereits einige Erfahrungen mit deren Stimmungsschwankungen gemacht und befürchten eine neuerlich „Eruption“.

Oder: Im Meeting kommen Sie einfach nicht zum Zuge, weil Ihnen der Chef so oft ins Wort fällt, dass Sie dann den Faden verlieren. Sie haben es satt „abgewürgt“ zu werden.

Wie können wir mit einem Verhalten anderer Menschen umgehen, das uns in Rage, Angst, Wut, Frustration oder Hilflosigkeit versetzt?

Ich denke, Feedback ist ein konstruktiver Weg.

Und so gelingt es:

Verabschieden Sie die Überzeugung, dass Kritik Menschen voranbringt. Ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. Darüber hinaus beschädigt Kritik oft die Beziehung, besonders dann, wenn sie übergriffig wirkt.

Wenn Kritik in Form von „Du-Sätzen“ formuliert wird, bewegen wir uns bereits im Bereich der verbalen Attacke. Wenn „Du bist“-Ansagen kommen, sprechen wir psychologisch betrachtet von Zuschreibungen. Beides erzeugt beim Anderen natürlicherweise eine Abwehrreaktion. Die Person, die so adressiert wird, schützt sich und das erscheint mir legitim. In der Folge wird die Qualität der Beziehung zwischen den Personen leiden, und das kann niemand brauchen, der die Kooperation von anderen einladen will. Denn Kooperation ist ein wesentliches Leitprinzip im Leben. Es zu verletzen oder zu ignorieren wäre unklug.

Eine gute Ausgangsbasis für gelingendes Feedback bilden die Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation. Wer sich persönlich weiterentwickeln möchte, profitiert von dieser Praxis, weil sie gleichzeitig hilft eine Haltung zu formen.

Feedback gelingt, wenn es auf Ich-Botschaften basiert. Damit informiere ich meine Gesprächspartner darüber, was ich beobachte, denke, fühle, vermisse, brauche … Indem ich von mir spreche, zeige ich etwas von meiner Persönlichkeit, was bisher womöglich nicht erkennbar war. Das erfordert etwas Mut. Ich öffne mich ein Stück weit, ohne dass ich genau weiß, was dann passiert.

Oft passiert, dass sich mein Gesprächspartner ein wenig entspannt. Das heißt auch, dass sich in der anderen Person gleichsam ein Raum öffnen kann, in den ich meine Botschaft senden darf. Und weil die Botschaft auch eine Geschichte über die Senderin enthält, bleibt der Raum länger offen.

Wenn es um Feedback geht, gebe ich meinen Kundinnen und Kunden oft eine kurze „Prozessbeschreibung“ mit. Die liest sich in etwa so:

Emotional-intelligent Feedback geben

Meine Wahrnehmung, Beobachtung ohne Interpretation oder Wertung beschreiben:

Ich habe gehört …

Ich habe bemerkt …

Ich habe beobachtet …

Mir ist aufgefallen …

Die daraus resultierende Wirkung auf mich offenlegen:

Das wirkt auf mich als ob …

Bei mir kommt an, dass …

Das führt mich zu der Annahme, dass …

Das Gefühl, das bei mir ausgelöst wird, wahrnehmen und ausdrücken:

Ich empfinde das als …

Das macht mich …

Das fühlt sich für mich an wie …

Einen Wunsch, eine Bitte für zukünftiges Verhalten formulieren:

Ich wünsche mir …

Ich möchte stattdessen …

Ich finde es hilfreich, wenn …

Beispiel Kollege: Wir waren für 8:30 Uhr verabredet. Jetzt ist es 8:50 Uhr. Es verunsichert mich, wenn ich warten muss, ohne zu wissen, was der Grund ist. Gleichzeitig frustriert mich das Warten zutiefst, weil ich mich währenddessen nicht auf etwas anderes konzentrieren kann. Ich will, dass wir verabredete Zeiten einhalten und falls etwas dazwischen kommt, möchte ich informiert werden.

Beispiel Vorgesetzte: Ich bemerke, dass Sie laut und schnell sprechen und dabei gestikulieren. Das irritiert mich und macht mir Stress. Im Stress kann ich nicht klar denken. Das möchte ich aber können, damit wir beide hier zu einer guten Lösung finden. Ich schlage vor, wir machen jetzt 5 Minuten Pause und setzen dann das Gespräch fort.

Beispiel Chef: Mir ist aufgefallen, dass ich oft unterbrochen werde, bevor ich meine Ausführungen beendet habe. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Mich ärgert das und ich fühle mich nicht respektiert. Ich möchte, dass wir eine Gesprächskultur entwickeln, in der wir einander ausreden lassen.

Was wirkt hier?

In jedem Fall bewirken Ich-Botschaften, dass die andere Person ihr Gesicht wahren kann. Echte Ich-Botschaften sind frei von Angriffen.

Gleichzeitig informiere ich mein Gegenüber über die Wirkung von dessen Verhalten auf mich. Das gleicht einem Geschenk, denn oft fehlen uns solche Rückmeldungen über die Wirkung unseres Verhaltens. Dann setzt sich unbewusst ein bestimmtes Verhalten fort.

Durch Feedback werde ich darüber informiert, wie ein bestimmtes Verhalten auf andere wirkt. Es kann ein heilsamer Abgleich sein, wenn ich bemerke, dass ich eine andere Wirkung erziele, als ich beabsichtige.

Es bleibt dann bei der Person, die das Feedback erhält, unproduktives Verhalten zu ändern. Und weil es ein offenes und selbstverantwortliches Geschehen ist, stehen die Chancen gut, dass sich die Dinge in eine günstige Richtung bewegen.

Erwartungsmanagement

Auch Feedback wirkt nicht über Nacht oder nach einmaliger Anwendung. Feedback ist vielmehr ein Prozess und eine Haltung. Ich denke, es lohnt sich in jedem Fall, sofort damit zu beginnen und zu üben, üben, üben. Es lohnt sich schon deshalb, weil es in nahezu jeder zwischenmenschlichen Konstellation anwendbar ist.

Ich wünsche uns allen viel Erfolg!