Stärken kultivieren – aber wie?


17. Juni 2018

Ina Deicke

Wenn Sie nach Ihren Stärken gefragt werden, können Sie sofort Ihre fünf wesentlichen Stärken benennen und beschreiben? Haben Sie ein Bild davon, wie Ihre Kernstärken in Beziehung zueinander stehen? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie entlang Ihrer Stärken arbeiten?

Oft erlebe ich, dass auf die Frage nach den Stärken erst einmal Schweigen eintritt – und dann so etwas wie ein Befremden: „Stärken? Moment mal … Schwächen könnte ich sofort einige nennen.“

Wie kommt es, dass wir das, was uns wenig nützt, sofort auf dem Schirm haben und beim Wichtigen erstmal zu suchen beginnen?

Manche meiner Kunden kommen explizit mit dieser Fragestellung ins Coaching: „Wie kann ich mehr über meine Stärken erfahren? Ich weiß nicht genau, was meine Stärken sind. Und ich möchte an meinen Schwächen arbeiten …“

Wenn wir dann beginnen die Stärken einer Person ins Licht zu heben und zu benennen, erlebe ich öfter ein Staunen, so als würde sie fragen: Bin wirklich ich gemeint?

Warum fällt es vielen von uns schwer die eigenen Stärken zu erkennen? Und was sind persönliche Stärken überhaupt?

Ich verstehe darunter die hochgradig individuelle Kombination an Fähigkeiten und Begabungen, mit der jede/r von uns auf die Welt kommt. Je nach Umfeld, Gelegenheiten, Herausforderungen und Möglichkeiten entwickeln wir unterschiedlich viele davon in unterschiedlicher Intensität weiter – von frühester Kindheit an und eher unbewusst. Je nach Resonanz aus dem Umfeld bleiben wir an einigen näher dran als an anderen. Manche Begabungen sind womöglich so stark ausgeprägt, dass sie als Talent gesehen und gefördert werden.

Tätigkeiten, die uns leicht fallen und/oder Freude schenken, wiederholen wir gern. Dadurch üben und vertiefen wir bestimmte Fähigkeiten und Begabungen. So wachsen persönliche Stärken zu Kompetenzen. Weil es für viele so natürlich und selbstverständlich geschieht, fällt es uns schwer  darin das Einzigartige zu erkennen. Für mich resultiert diese Einzigartigkeit aus der höchst individuellen Kombination und Ausprägung der persönlichen Stärken.

Wenn wir uns selbst freundlich und offen beobachten würden, würden wir bemerken, dass wir einige Dinge besser können als andere Menschen.

Aus der positiven Psychologie wissen wir, dass sich Menschen erfolgreicher entlang ihrer Stärken entwickeln.

Die Neurobiologie belegt den Einfluss der Begeisterung, die es ermöglicht, dass sich neue neuronale Verbindungen in beeindruckender Weise bilden und verdichten und so zur Neuroplastizität des Gehirns beitragen, ein Leben lang … Doch wieviel Begeisterung kann ich entfachen, wenn ich mich selbstkritisch-zermürbend mit den mir von anderen zugeschriebenen Schwächen auseinandersetze?

Wann ist eine Schwäche eine Schwäche?

Wenn wir uns den Stärken darüber nähern, dass wir die Fähigkeiten benennen, die in uns besonders ausgeprägt sind, setzen wir sie in Bezug zu den anderen Fähigkeiten, die wir als durchschnittlich ausgebildet oder weniger ausgebildet empfinden. Stärken wie Schwächen haben damit nichts Absolutes, sondern etwas Relatives, etwas in Bezug auf etwas anderes zu Beschreibendes.

Wenn mir Menschen begegnen, die an ihren Schwächen arbeiten wollen, frage ich nach, was genau sie damit meinen. Ich frage auch, inwieweit es klug erscheint, viel Energie in etwas zu investieren, um womöglich ein durchschnittliches Ergebnis zu erzielen und was passieren würde, wenn dieselbe Menge Energie in eine Richtung gelenkt würde, die Begeisterung freisetzen kann.

Manchmal bewerten wie etwas als Schwäche, was bei näherer Betrachtung gar keine ist, oder – wie eine Kundin neulich in einer SWOT-Analyse ihre geplante Selbstständigkeit betreffend feststellte – eine fulminante Wandlung hin zu einer verdeckten Stärke erfährt.

Interessant werden Schwächen erst wirklich, wenn sie das Entfalten einer Stärke behindern.

Außerdem lohnt es sich, die Polaritäten und das Verständnis von einer Fähigkeit auszuloten: Oft höre ich z.B. von Führungskräften, dass sie gern entscheidungsstark wären. Doch was genau bedeutet das? Geht es um die Qualität von Entscheidungen, die Geschwindigkeit im Entscheiden, das Vertrauen in die eigene Urteilskraft, den Blick auf  Details und das Ganze, um die Klarheit von Entscheidungen …?

Ich will Sie ermutigen Ihre Stärken zu kultivieren, sie zu spüren und verkörpern zu lernen.

Ein schöner Weg, sich den eigenen Stärken zu nähern, kann dieser sein:  Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit – was haben Sie gern und selbstversunken getan? Und was tun Sie heute gern und von sich aus, ohne dass Sie jemand darum bitten muss?

Viele Freude beim Stärken Ihrer Stärken!