Bewerbungscoaching: Was eine neue Sichtweise bewirkt


07. Mai 2018

Ina Deicke

Es klang wie ein ganz gewöhnlicher Auftrag zu einem Bewerbungscoaching: „Ich möchte mich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten. Eigentlich ist mir alles klar, nur an zwei Stellen fühle ich mich unsicher“, sagte die Frauenstimme am Telefon.

Ich erfragte noch einige Details, um mir ein genaueres Bild machen zu können. Wir vereinbarten einen Termin und sie sendete mir vorab ihre Bewerbungsunterlagen zu.

Anschreiben und Lebenslauf wirkten auf den ersten Blick sehr schlüssig. Die Informationen waren wirklich gut aufbereitet, wohl strukturiert und sehr ansprechend gestaltet. Zum Termin erschien eine stilsicher gekleidete, scheu lächelnde  Mittdreißigerin.

Als ich im Laufe des Gesprächs nach den Gründen für den Jobwechsel fragte, bekam ihre Stimme einen anderen Klang. Es war, als würde ihr etwas die Kehle eng machen. Auch ihre Ausdrucksweise veränderte sich – fast zynisch wirkende Bemerkungen standen im Raum.

Was ich hörte, war eine Geschichte von schwierigen Erfahrungen im Unternehmen. Diese hatten meine Kundin in psychotherapeutische Behandlung geführt, doch offenbar waren die Wunden noch nicht ausreichend verheilt. Und diesem Schmerz fügte sie einen weiteren hinzu, indem sie das kaum Tragbare zynisch kommentierte – unbewusst und unabsichtlich, doch nicht ohne Wirkung. Diese Wirkung ist für Zuhörende spürbar – eben auch im Bewerbungsgespräch. Und wie sich jetzt herausstellte, hatte sie schon einige ohne den gewünschten Erfolg absolviert.

Aus einem Coaching-Termin wurden drei und einer davon war ein Spaziergang in der Natur, während dem ich sie einlud, eine „Zeremonie“ für sich selbst durchzuführen.

Bewerbungscoaching: Woran haben wir gearbeitet?

Es ging um das Transformieren ihrer Geschichte – der Geschichte, die sie sich von sich selbst erzählte. Die Art wie wir uns unsere eigenen Geschichten erzählen, hat eine beachtliche Wirkung auf unsere Haltung zum Leben und auf die Art, wie wir uns zeigen. Im Bewerbungskontext gleichen das tiefere Verstehen und die Hoheit über die eigene Geschichte einem Schlüssel zum erfolgreichen Selbstmarketing.

Meine Faszination für Heldinnen- und Wandlungsgeschichten lässt mich in solchen Momenten voll präsent sein. „Helden“ sind im Verlauf ihrer Geschichten gefordert in das Dunkle hinabzusteigen, und das Dunkle kann manchmal überwältigend wirken. Es geht in diesen Geschichten aber nicht nur um das Bestehen einer „Prüfung“, sondern es geht aus meiner Sicht vor allem darum, welche Bedeutung die Heldin dem Erfahrenen gibt. Und für diesen Teil der Aufgabe benötigen Helden gelegentlich eine/n Mentor/in – eine Person mit Erfahrung und Wissen vom Menschsein an sich und von Heldengeschichten im Besonderen. Diese Mentorenperson kann wie ein Spiegel wirken, der Klarheit, Licht und neue Perspektiven in eine alte Geschichte bringt.

Die neue Geschichte verkörpern

Nachdem meine Kundin durch den Prozess des Erkundens der eigenen Geschichte gegangen war und dem Erlebten neue Bedeutungsfacetten hinzufügen konnte, begann sie sich tiefer zu entspannen. Ihre Körperhaltung und ihr Ausdruck veränderten sich. Sie wirkte gelassener, offener und freier.

Am Tag des Bewerbungsgespräches habe ich öfter an sie gedacht. Und ich freute mich sehr, als ich drei Wochen später die Nachricht von ihr bekam, dass sie am nächsten Tag ihren neuen Arbeitsvertrag unterzeichnen würde und dass sie sich fühle, als würde ein anderes Leben für sie beginnen.