Alleinsein auf Zeit: Ein Geschenk


03. April 2018

Ina Deicke

Freuen Sie sich, wenn mal ein Termin platzt und Sie plötzlich Zeit geschenkt bekommen? Sind Sie gern mal mit sich allein? Wie sehr können Sie Phasen der Stille und des Nichtsmüssens genießen? Was genau geschieht dann, wenn Sie ganz mit sich sein könnten?

Am Alleinsein scheiden sich die Geister: Manche denken sofort an Einsamkeit und alle damit verbundenen gedachten und tatsächlichen Folgen. Manche finden den Gedanken ans Alleinsein amüsant-absurd. Andere bekommen einen sehnsüchtigen Blick …

Alleinsein als Lebensqualität

Es gibt Menschen, die verbinden mit Alleinsein Lebensqualität. Sie planen Phasen des selbstgewählten Alleinseins als Geschenke an sich selbst. Sie genießen Entspannen, Sinnieren, dem eigenen Rhythmus folgen, Muße empfinden, dem inneren Dialog Raum geben, Gedanken ordnen ohne ordnend aktiv zu sein – weil es einfach so geschieht.

Interessant finde ich, dass viele Menschen beim Gedanken ans verlockende Alleinsein auch Bilder von Landschaften assoziieren. Alleinsein auf dem Berg, allein die Weite am Meer genießen können, über sonnenbeschienene Wiesen schlendern, in den Duft des Waldes eintauchen, eine einsame Hütte an einem stillen Bergsee aufsuchen …

Wir Menschen sind soziale Wesen und das können wir besser sein, wenn wir uns auch Phasen des Abstandes vom allgemein als sozial definierten Tun ermöglichen. Denn beim Alleinsein geht es ums Sein, es geht darum in das eigene Sein zu spüren – und die Verbindung zu sich selbst zu erneuern.

Wenn wir uns für einige Zeit vom Lärm der Welt zurückziehen können, stiller werden und unser Leben betrachten, offenbaren sich oft völlige neue Perspektiven. Womöglich bemerken wir erst im Rückzug unsere eigene Kreativität und Vitalität, vielleicht verändert sich aus der Distanz so manche Überzeugung davon, was im Alltag Stress verursacht, womöglich öffnet sich eine neue Sicht auf Gewohntes und wir begreifen vermeintlich Selbstverständliches als etwas höchst Kostbares.

Das Selbst braucht absolute Ruhe.

Psychologen würden das Ergebnis des Alleinseins auf Zeit als eine Art Selbstklärung beschreiben: Das Selbst gilt als eine innere Instanz, die genau weiß, was gut für uns ist – und dieses Selbst braucht absolute Ruhe, um arbeiten zu können.

Aus allen Zeiten und Kulturen kennen wir Geschichten, die von Rückzug (und Erleuchtung) erzählen. Menschen suchten und suchen Kraftplätze in der Natur auf, um sich mit drängenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.

Es gibt viele Wege, die schöpferisches Alleinsein ermöglichen: Manche buchen Aufenthalte im Kloster, andere wählen Schweige-Retreats oder mieten ferne Berghütten. Outdoor-Fans brauchen oft nur einen Rucksack mit dem Notwendigsten.

Ich liebe es durch die wilde Natur zu streifen. Und ich vertraue der regenerierenden Kraft von rituellen Auszeiten in der Natur.

Egal, was Sie für sich finden – genießen Sie köstliche Momente des In-sich-selbst-Eintauchens, des heilsamen Einsinkens in Ihren Seelenraum, des entspannten Flows. Und ermutigen Sie andere ebenfalls dazu.