Wie Wald uns produktiver denken lässt


21. September 2017

Ina Deicke

Eigentlich wissen wir es ganz genau: Bewegung in der freien Natur tut uns gut und bringt uns auf frische Gedanken. Nur warum tun wir es so selten?

Ich bemerke immer wieder, dass wir seltsame Vorstellungen davon entwickelt haben, was uns wirklich produktiv denken lässt. Unter all den Strategien, die wir anwenden, um anhaltende Produktivität herbeizuführen, fehlt nach meiner Beobachtung regelmäßig diese: Mach mal Pause und geh eine Stunde im Wald spazieren. Geh ohne Ziel und Plan, lass dich treiben und nimm einfach wahr, was sich vor dir und um dich herum zeigt.

Diejenigen, die es im gemeinsamen Arbeiten mit mir bisher ausprobiert haben, sind begeistert von den Resultaten. Und andere können es nicht glauben und mustern mich skeptisch, wenn ich davon erzähle: Sie schicken Teams spazieren??? Jawohl.

Und neulich kam mir diese Studie ins Blickfeld und jetzt kann ich wissenschaftliche Fakten beisteuern:

2008 publizierte ein Autorenteam in der Zeitschrift Psychological Science einen Aufsatz, in dem die Autoren ein einfaches Experiment beschreiben. Sie teilten Probanden in zwei Gruppen auf und schickten sie spazieren. Gruppe A spazierte im Wald und Gruppe B im Stadtzentrum von Ann Arbor, Michigan.

Anschließend erhielten die Probanden beider Gruppen eine konzentrationsintensive Aufgabe. Resultat: Die Naturgruppe erbrachte 20 Prozent bessere Leistungen.

In der Woche darauf schickten die Forscher dieselben Probandengruppen in die jeweils andere Umgebung. Die Waldgruppe hatte wieder die besseren Resultate. Es lag also nicht an den Menschen, sondern daran, ob sie sich durch einen Waldspaziergang vorbereiten konnten.

Was passiert da?

Diese Forschungen beziehen sich auf eine Theorie, die sich mit der Regeneration unserer Aufmerksamkeit beschäftigt (Attention Restoration Theory, in: M.G. Berman/J.Jonides/S.Kaplan, The cognitive benefits of interacting with nature, in: Psychological Science 19.12(2008), 1207-1212).

Unsere Konzentrationsfähigkeit ist – ähnlich unserer Willenskraft – eine endliche Ressource. Um sich konzentrieren zu können, benötigen wir „gelenkte Aufmerksamkeit“. Diese Art Aufmerksamkeit brauchen wir auch beim Unterwegssein in der Stadt.

Bei einem Naturgang sind wir dem ausgesetzt, was in der Studie als „inhärent faszinierende Reize“ bezeichnet wird. Diese Reize ermöglichen das Regenerieren von fokussierter Aufmerksamkeit.

Aus eigener Erfahrung weiß ich:

Auszeiten in der freien Natur füllen nicht nur unsere Energiespeicher auf, sie fördern auch tiefere Einsichten zutage.

Vor dem Hintergrund dieser Forschung erscheint es mir nahezu fahrlässig von Menschen zu erwarten, sie bewältigten konzentrationsintensive Tätigkeiten (und aktiv einander zuzuhören zählt für mich dazu) am besten in geschlossenen Räumen. Nix da!

Also nehmen Sie sich wissenschaftlich fundiert begründete Auszeiten: Gehen Sie am besten täglich in freier Natur spazieren. So beflügeln Sie Ihr Denkvermögen, entstressen und gewinnen neue Anregungen und Einsichten. Gehen Sie allein und ohne Ablenkung, um diesen Effekt zu steigern.

Viel Freude!