Storytelling: Den roten Faden entwickeln


14. Juni 2017

Ina Deicke
Storytelling: Wenn das Leben wie ein Fluss wäre ...

Wenn das Leben wie ein Fluss wäre: Wie würde Ihr Fluss heißen? Wo würde er fließen? Wie würde es sich anfühlen, dieser Fluss zu sein? Welche Geschichten würde dieser Fluss erzählen?

Storytelling? Geschichten erzählen? Sie können es nicht mehr hören?

Ja, gegenwärtig scheint Storytelling in aller Munde zu sein. Leader sollen inspirierte Geschichten erzählen, um Veränderungen zu unterstützen. Im Marketing geht es um authentische Geschichten um ein Produkt, die Kunden zum Kaufen animieren sollen …

NEIN, diese Art Storytelling meine ich hier nicht!

Wenn ich zum Storytelling einlade  und wenn ich von „unseren Geschichten“ spreche, habe ich etwas anderes im Blick: persönliche Geschichten von echten Erfahrungen.

Vor einigen Jahren saß ich mit ca. 60 Leuten in einem Kreis. Wir waren alle nach Innsbruck gekommen, um an einem Art of Hosting Training teilzunehmen. Einige kannten sich, die meisten trafen sich zum ersten Mal. Es war der Morgen des ersten Tages, und obwohl ich eine Vorstellung hatte, was mich erwartet, war ich aufgeregt. 60 Leute! Wir würden vier Tage miteinander arbeiten. Wer sind diese Menschen? Wen werde ich näher kennenlernen? Was werde ich als Ernte mit nach Hause nehmen?

Wir stellten uns im Kreis anhand eines Bildes vor, dass wir vorher für uns ausgewählt hatten. Meines zeigte ein junges zartes Laubbäumchen inmitten eines hohen Nadelwaldes. Es hatte mich angesprochen, doch ich hatte noch nicht verstanden, was es mir sagen wollte. Und dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig und ich erinnere mich an zwei wesentliche: Während ich mir selbst zuhörte, wie ich meine Geschichte des Bäumchens im Kreis erzählte, fragte mich eine Stimme in mir: ‚Wie lange willst du diese Geschichte noch erzählen? Ist die überhaupt noch „wahr“? Bist du da nicht längst rausgewachsen? Ich glaube, es wird Zeit für eine neue Version.‘

Aha! Ohne das Erzählen wäre mir das nicht ins Bewusstsein gekommen – nicht in dieser Klarheit. Dieser Moment war meine Ernte aus dem Storytelling am Morgen. Welch ein Geschenk!

Es geht um den stärkenden roten Faden

Aus meiner Sicht geht es beim Heben und Mitteilen von persönlichen Geschichten darum, sich als Erzählende/r selbst zuzuhören und tiefer zu verstehen. Es geht um den persönlichen roten – biografischen – Faden, um die Knoten darin, die gelöst werden wollen, um Wendepunkte, eigene Lösungen, um das tiefere Erinnern daran, wer ich eigentlich bin und wohin ich mich bewegen will.

Für mich ist das Hören und Erzählen von Geschichten wie ein Nachhausekommen – persönlich und kollektiv. Unsere Geschichten erinnern uns an unser Menschsein, sie fördern unser Verständnis, worum es wirklich geht, wer wir sind und was unser ureigener Platz in und Beitrag zu diesem wilden Universum  ist. Solche Geschichten sind Kostbarkeiten und sie verdienen aufmerksames Gehörtwerden in einem sicheren Rahmen.

Aus meiner Erfahrung ist der Kreis die bestmögliche Form für kostbare und wesentliche Geschichten. Ein Kreis lebt von der Selbstverantwortung und Achtsamkeit der Teilnehmenden.

Alles was wir brauchen, damit es gelingt, ist unsere Präsenz

als eine beabsichtigte aktive, offene Aufmerksamkeit für das, was gerade geschieht und für das Wahrnehmen der eigenen Gedanken und Gefühle ohne zu werten.

Und was heute bisweilen zum Trend stilisiert wird, ist eigentlich etwas sehr Archaisches: In allen Zeiten der Menschheitsgeschichte versammelten sich Menschen um ihr Feuer und teilten ihre Geschichten. So tauschten sie sich aus, vermittelten Wissen und Einsichten, formten Gemeinschaften, entwickelten Werte und „träumten“ sich voran.

Auch wir tragen die Sehnsucht nach bewegenden Geschichten gleichsam in unseren Genen. Jetzt bleibt für Jede/n nur noch herauszufinden, welche Art von Geschichten als wirklich nährende und bewegende wirken.